Texte zum Tanztheater Susanne Hajdu
Text folgt…
Link zur Produktion: „Mein Vaterland ist abgebrannt“
Text zu: Seit 1927
Produktion 1987 im Theater Brett Wien
Offener Bühnenraum, zwei Frauengestalten in fließende braune Mäntel gehüllt.
Bauarbeiterin in weiß trägt Ziegel und stapelt diese auf der anderen Seite der Bühne, bereitet den Bau einer Mauer vor, mit Mauerkelle und Mörtel.
Ruhe kehrt ein in den Raum, der Tänzerin wird der Mantel abgenommen, sie tanzt zu den Tondokumenten in sich wiederholenden Bewegungen, Drehungen, „ronde des jambe“, diese enden in einer lyrischen Geste wie eine tänzerische Verabschiedung.
Die Stimme des Vizekanzlers Hartleb1927 beschreibt das Ereignis: der Justizpalast brennt.
Unerwähnt bleibt: Menschenmassen demonstrieren gegen willkürliche, falsche Urteile.
Aufkeimende totalitäre Gefahr, Polizeipräsident lässt wahllos auf die Unschuldige schießen.
Der Körper der Tänzerin wird zum Seismographen historischer Brüche, changiert zwischen expressivem Widerstand und der Physis einer gebrochenen Kreatur.
Die Mauer gewinnt an Höhe und die andere Frauenfigur demontiert den Behang der Hinterbühne, um sie im Laufe des Geschehens wieder zu verhängen.
Die Tänzerin zunächst nur von Tondokumenten bewegt, in ständiger Reibung und im Dialog mit Originaltönen, wie Fragmente einer Rede des Bundeskanzlers Schober 1930 als Bekenntnis zum Deutschtum und aufkeimende rechte Ideologien.
Die Tonkulisse peitscht mit Synthesizer-Schnitten die tänzerischen Abläufe, ein Sessel wird zum Tanzpartner zu Tangomusik. Verdrängung, Erinnern, an die Wand rollen, auf Knien vorwärtsbewegen, dann in einer klaren sich wiederholenden Gestik aufrichten.
Die Hinterwand wird mit Hilfe einer Leiter weiter verhangen.
Die Maurerin unterbricht ihre Arbeit, um aus Benimmregeln zu zitieren, die auch vehement von der Zurichtung des weiblichen Geschlechts berichten.
Der Sessel wird über die Bühne gezogen, die Gesten werden schneller, hektischer, die Tonfragmente aktueller, Österreich nennt 1987 einen Bundespräsidenten sein Eigen, der dereinst Mitglied der SA war.
Das Ende wie der Anfang, derselbe choreografische Ablauf, die Maurerin zerstört ihr Werk,
wann weiß das Publikum, dass es applaudieren darf……?
Link zur Produktion: „Seit 1927“ (Details, Fotos, Video, Mitwirkende)
Text folgt…
Link zur Produktion: „Antigone 2000“
Ein Video zum Tanztheaterstück „Heldenberg“ / Produktion des Tanztheaters Susanne Hajdu / Premiere 25. März 1989 / Technisches Museum Wien
Die „Kamerafrau“ Ursula Kubes-Hoffmann
Ursula, die Philosophin, dieses Mal als Kamerafrau mit scharfem und poetischem Blick, verfolgt die Entstehungs- und Ideenarbeit zum Stück Heldenberg des Tanztheaters Susanne Hajdu.
Sie kommentiert, demontiert und mehr noch: sie geht hinein in alle Dimensionen der Räume, greift nach den Händen und Schuhspitzen der Tänzerinnen. Ihre Kameraführung wird zur Dokumentation des Entstehungsprozesses und der Inszenierung.
Auf dem Heldenberg bei Kleinwetzdorf wird ihr zynischer Blick und im Theater, alias Technisches Museum Wien, ihr musikalisches und künstlerisches Feingefühl spürbar.
So entsteht ein kongeniales Event aus Kameraführung und Choreographie. Auch über 20 Jahre später strahlt diese Begegnung eine Kraft von Aktualität und Kreativität aus: Die Dekonstruktion des Helden-Kriegsmythos tänzerisch-filmisch in Szene gesetzt.
Dein Weg auf den Heldenberg:
Du kamst eines dieser Tage nach Kleinwetzdorf. 1989. Die Zufahrt mit einem Schild, das sichtlich seit Jahrzehnten nicht mehr erneuert worden war, wies auf eine kleine Straße, neben einem verwahrlosten Schlossgebäude hinauf auf den Heldenberg.
Hier, im Schloss des Herrn Pargfrieder – Armeelieferant des Hofes, Schuhfabrikant – verkehrte Radetzky wiederholt, wurde bewundert und entschuldet. Der großzügige Finanzmann Pargfrieder ließ ein Heldenbergmausoleum errichten, um mit den bedeutenden Feldmarschällen Radetzky und Wimpfen in einer Heldengruft zu liegen und schließlich nach seiner Beisetzung 1863 sagte man sich in der Umgebung den Reim: „Hier liegen drei Helden in ewiger Ruh, zwei lieferten Schlachten, der dritte die Schuh“.
Zu jeder Jahreszeit stehen sie da, die Vorfahren und gekrönten Häupter in Ganzkörpermontur oder nur als Büste mit oder ohne Arme in den Alleen des „Walhalla bei Kleinwetzdorf“.
Deine Kamera schwenkte auf die mahnende Hausordnung : „…jedes die Ehrenstätte entweihendes Verhalten ist unstatthaft“. Ein kleiner Trupp behüteter Damen, einiger Herren und Kinder hatte sich bereits zur Führung versammelt. Mit eintöniger Stimme verschaffte sich der Führer Gehör, unbeirrt von Kinderlärm und surrender Kamera: „Auf der rechten Seite…“ und „1849 als Radetzky siegreich vom Gardasee heimkehrt, komponiert ihm Johann Strauss Vater den Radetzkymarsch…“. „linke Seite die Feldherrnallee und Kaiserallee“ und „wenn’s weitergehen kommen’s zu einem gußeisernen Kreuz“.
Die Spannung stieg, das Gitter zur Gruft wurde entsperrt, eine Frau mit Hut drohte einem kleinen Jungen noch eine Ohrfeige an, bevor es die Stufen hinabging. Mit der Kamera vorsichtig Stufe für Stufe, die Frühlingssonne warf ihr grelles Licht in den kleinen Raum und nichts entging deinen Aufzeichnungen: Frau und Mann sah Inschriften, erfuhr von Heldentaten, dem eingeschobenen Sarg, Pargfrieder auf einem Thron sitzend eingelassen in die Mauer, Radetzky einbalsamiert in Kupfer gebettet. Der Kameradschaftsbund hatte Blumenkränze niedergelegt. Die schwarze Madonna blickte peinlich berührt zur Seite, weil ausgerechnet hier von Besuchern immer nach den Spielschulden gefragt wurde…
Und zurückgekehrt ans Tageslicht verfolgtest du mit deinem Kameraauge den weiteren Rundgang, bei dem sich die Schuhbänder des kleinen Jungen öffneten, die eine Frau mit Hut zuband, indem sie ihn heftig zurechtwies.
Video und Tanzstück: Generalprobe Technisches Museum 23. März 1989
Akt 1:
Romeo + Julia + Tschaikowsky
Die Tänzerinnen stehen auf der Stiege der Eingangshalle, sie heben langsam die großen schwarzen Barockröcke, eine in Gold gekleidete Bewegungsschauspielerin sitzt erhaben auf ihrem Thron ,sie stellt die Monarchie dar –wird im Verlaufe des Stückes wanken, fallen , sich nie weiter als Armbreite von ihrem Thron entfernen.
Die weißen nackten Schultern der Hofdamen, Netze über dem Haar, Julia in Glutrot. Du nimmst ihre energische Aktion ins Visier der Kamera, sie legt das Leintuch auf die Stufen, links im Bild mit wehendem Kleid, dann den Polster, die Decke und du drehst zur rechten Seite, die Monarchie wankt erhaben , du konzentrierst dich auf Julias energischem Ausdruck bevor sie sich über den Kopflosen beugt .
Die Kamera im Gleichklang mit den Drehbewegungen und mit den zeremoniellen Schritten, und der wunderbar romantischen Musik Tschaikowskys, die vom Sterben Romeos erzählen. Er sitzt ohne Kopf perfekt im Smoking und Mannesgröße in der 1. Reihe.
Du begleitest Julia zu ihrer Liebesaktion ohne Stativ mit ruhiger Hand, wie sie ihn von seinem Sitz holt, ein jahrhundertelanges Tragen von den Schlachtfeldern und ihn in ihr blütenweißes Bett legt. Sie hält das Opfer seines eigenen Heldentums in den Armen.
Die schwarzen Damen gehen in Stellung, Julia hat Romeo wieder plaziert, die Bettstatt weggeräumt, die Musik wird bewegter die Röcke rauschen und du siehst wie die Monarchie sich gerade noch an der Marmorsäule abstützen kann.
Du wechselst die Perspektive zu den Händen, die die Barockkostüme ablegen in einer Geräuschkulisse aus Stöhnen Glucksen makabrem Gelächter, große weiße Reifen werden sichtbar und du bist mitten im Geschehen, im tragenden Schritt Julias mit ihrer Mannespuppe zur Treppe, die sie in den ersten Stock führt, in den Spielwerkdrehungen der Tänzerinnen. Du zoomst das Ablegen der Reifen maximal heran. So zeichnet die Aufnahme hier ein assoziatives Spiel der Befreiung und Selbstbefreiung. Die Kamera steigt in das Bild der Einengung und der Befreiungsakt bleibt : die abgelegten Gestelle das Bühnenbild vor dem eisernen Rad der Maschinenhalle. Die Tänzerinnen verlassen die untere Ebene und folgen dem Geschehen in den 1.Stock.Die Monarchie verliert Teile ihres goldenen Kostüms und das hämmernde Lachen verstummt allmählich. Klar und dann verzerrt erklingt der Radetzkymarsch von zwei Musikerinnen in Szene gesetzt und schließlich lockt die Blockflöte das Publikum in die Galerie.
Akt 2
Julia hat Romeo auf die Brücke(?) geschleppt und du stehst auf dem durchsichtigen Gitter in……..Meter über dem Maschinenraum, die Kamera frontal auf sie gerichtet. Deine Absicht so nah und intensiv im Geschehen zu sein, mitten ins äußere und innere der Bilder zu steigen, ist spürbar. Es scheint als greifst du gleich der Protagonistin in den Heldenkörper, um zu ergründen oder nur aufzuzeigen wie viel oder wie wenig in ihm verborgen ist. Zeitungspapier haufenweise, zerknülltes Zeitungspapier. Sie knöpft das Hemd auf und Blatt für Blatt schwebt einzeln in die Tiefe- Berichte über Kriegsschauplätze neue Waffen, Großmachtgefühle, Identitäten , religiöse Fantasmen. Du schwenkst den Kamerablick in die Tiefe der Maschinenhalle, auf dem Steinboden das Schleifen des Thrones, das Klappern der Absätze, die teils lyrisch, teils automatischen Bewegungen der Tänzerinnen , wie eine halb erleuchtete „Gruft“, die Kamera auf der Suche nach den weißen Handschuhen und weißen Hüten und dem goldschimmernde Kostüm. Die Tänzerinnen verneigen sich in einem zynischen complément vor den Maschinen, diese wirken wie Symbole der zu Lebzeiten sich in Maschinen verwandelte Befehlsempfänger und -geber.
Julias Rot funkelt von der Brüstung, sie hält Romeo wie eine Tanzpartner , der zufällig seinen Kopf abgelegt hat, in den Armen und deine Kamera schwenkt in die „Gruft“ zu den Damen, die ihren Tanz mit den verlorenen Seelen fortsetzen, das letzte Kostümstück ablegen , die im gesamten Raum als flatternde Tücher geisterähnliche Schatten erzeugen. Du verlässt mit Julia die Brücke im Stimmengewirr der Toncollage, begleitest aus der Vogelperspektive das salutierende Geklopfe der Abätze in der Halle. Mit höchster Konzentration zielst du auf alle Schauplätze zugleich, um schließlich mit allen Protagonistinnen in den Zuschauerraum des Foyers zurückzukehren.
Akt 3
Die Tänzerinnen stürzen mit einer sich wiederholenden Bewegung von Attitüden über die Zuschauerreihen. Die Monarchie zieht ihre Kreise mal zögernd und mal energisch um die leeren Sitzreihen, als wäre ihr das Volk abhanden gekommen. Du außerhalb des Geschehens, spiegelst das verwunderte Auge der ZuseherInnen, Publikum und gleichzeitig Akteure,ihrer Plätze „beraubt“.
In der Stille folgst du den letzten Walzerschritten von rotem Satin und schwarzen Smoking . Julia placiert ihn wieder in der 1. Reihe während die schwarzen Damen nunmehr wieder mit großen Barockröcken erscheinen. Im erklingenden Walzer rattert das Schleifen des Thrones über den Marmorboden über die Stufen zu den Säulen am rechten Rand. Du drehst hinein in die Klänge des österreichisch- klischeebeseelten Kaiserwalzers wie in einem höfischen Tanz unter den Blicken des kopflosen Helden
„Geköpft“, sie, die Choreographin habe ihn geköpft, meinte eine namhafte Pressekritikerin. wir waren damals über so viel Unverständnis empört —– hätten wir nicht doch solln……………bevor die Helden in den Jugoslawienkrieg, Irakkrieg, Afghanistankrieg, Zockerkrieg………………
Das Bild der Schlußszene erstarrt, nur die Kamera schwenkt noch einmal über das Foyer bevor die Scheinwerfer erlöschen.
2012
Link zur Produktion: „Heldenberg“ (Details, Fotos, Video, Mitwirkende)
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Link zur Produktion: „Elle ne bouge pas sans l’autre“
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Link zur Produktion: „EXIL Re-vue“
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Link zur Produktion: „MOZART-AUSCHWITZ – Das Mädchenorchester“
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Link zur Produktion: „Karlsplatz II“
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Link zur Produktion: „Karlsplatz – Metamorphosen verkommener Frauen“
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Link zur Produktion: „Verfemt in Dritten Reich“
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Link zur Produktion: „Der Kuckucksruf“
